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Surf Spot Check: Helgoland

Surf Spot Check mit Lars Jacobsen

An Deutschlands Küsten ist die Suche nach jungfräulichen Wellen noch längst nicht abgeschlossen. Unermüdlich klappern die vielen Ost- und Nordsee-Pioniere mit den rostigen VW-Bussen bei jedem auflandigen Wind die Küsten rauf und runter. Und immer wieder wird von neuen Spots berichtet. Das inspirierte und weckte den Entdeckerdrang. Es ging nach Helgoland und – oh Boy, haben wir gescort!
„Hier Jungs, einstecken! Keinen Bock, eure Kotze wegzuwischen.“ Der Matrose im blauen Overall legt einen Stapel blaue Papiertüten auf unseren Tisch und sieht nicht aus, als würde er Spaß machen.

Wir sind gerade an Bord der „Funny Girl“ gegangen, ein Passagierschiff, das zwischen Cuxhaven und Helgoland hin und her pendelt. Draußen peitscht eine steife Brise gegen die Fenster und die Nordsee ist außerhalb des sicheren Hafenbeckens bereits am Kochen. Perfekte Bedingungen, um Helgoland auf Surf-Tauglichkeit zu testen.

Um vor Helgoland surfen zu können, braucht es in der Nord- und Ostsee „Hack“.

So zumindest unsere Vermutung, denn so richtig war nichts zum Thema Surfen vor Helgoland herauszufinden.Also suchten wir uns den stürmischsten Tag im Januar raus und los ging’s mit dem Zug von Hamburg nach Cuxhaven, wo die „Funny Girl“ auf uns wartete. Wir, das sind Jonas Bronnert, Finn-Ole Springborn, die Jungs von der Binsurfen-Crew Felix Gänsicke, Dan Petermann sowie Philipp Biewald und ich, Lars Jacobsen um das Ganze offiziell zu dokumentieren.

Helgoland ist so schön, selbst wenn es keine Wellen hat, lohnt ein Ausflug.

Der Matrose sollte Recht behalten und fleißig Spucke von Deck schippen müssen. Gott sei Dank nicht aus unserer Sitzgruppe, sondern von den überraschend vielen Touristen, die sich ebenfalls auf ein Wochenende auf der Hochseeinsel freuen. Die zweieinhalbstündige Überfahrt ist echt hart und alle sind glücklich, als wir den sicheren Hafen der einzigen Hochseeinsel Deutschlands erreichen. Endlich angekommen – Zeit, Neuland zu entdecken! 

Eigentlich erwartet man heutzutage an jeder Küste, die Wellen hat, auch Surfer. Gerade wenn man sich in den letzten Jahren Orte wie Westerland oder Timmendorfer Strand anschaut, die eigentlich schon komplett crowded sind, wenn es flat ist. Doch von Surfen vor Helgoland ist bis dato nichts zu hören gewesen und auch nicht viel im Internet zu finden.

Eigentlich ein Wunder, liegt die Insel doch nur 40 Kilometer vor der Küste und könnte theoretisch Swell aus 360 Grad abfangen.

Gerade die Nachbarinsel Düne mit ihren beiden nach Norden und Süden ausgerichteten Stränden sollte doch Potenzial für ein paar fleischige Brecher bieten! Im Jahr 1721 muss Helgoland auch ein paar Brecher eingesteckt haben, denn in dem Jahr zerbrach die Insel in zwei Teile. Solche Naturgewalten brauchen wir nicht, aber ein bisschen Groundwell und Offshore wäre doch schön.

„Wir wollten gerade den Helikopter losschicken. Wir dachten hier hat sich jemand umgebracht.“ Wir rennen nach der Ankunft sofort mit Sack und Pack an die Nordküste der Hauptinsel. Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit, bis die Sonne untergeht. Nach knappen zehn Minuten blicken wir auf kleine Rights vor der spektakulären Kulisse der knapp 80 Meter hohen Steilklippe.

Das Wasser um die Steilklippe ist vom aufgewirbelten Sediment tiefbraun.

Jonas und Finn erkennen, dass es die letzte Chance ist, an diesem Tag überhaupt noch nass zu werden, und rennen zwischen abgebrochenen Felsbrocken und altem Weltkriegsschrott in den Line-up. Die Wellen sind so klein, dass Finn und Jonas nach einem kurzen Versuch, etwas mit der kleinen Right anzustellen, um die Steilklippe paddeln. Sie vermuten einen besseren Spot direkt vor der unzugänglichen Steilküste.

Der Rest von uns klettert die Steilklippe hoch, um die Action der beiden aus der Vogelperspektive festzuhalten. Unser Gepäck lassen wir einfach am Strand stehen und liegen. Und tatsächlich, circa 200 Meter vom Strand weg brechen eine perfekte lange Left und eine kurze, schnelle Right direkt vor der Steilklippe. „Hey, gehört ihr zu den Wellen-Surfern da?“ Als es zu dunkel zum Fotografieren ist, laufen wir zurück runter an den Strand. Dort erwarten uns bereits zwei Männer. „Hey, gehört ihr zu den Wellen-Surfern da?“ Öh, hm! Es gibt keine richtige Ausrede.

Der Polizist in der gelben Jacke findet unsere Aktion nicht so cool:

„Wir wollten gerade den Helikopter losschicken. Wir dachten, hier ist ein Kitesurfer abgetrieben oder es hat sich jemand von der Klippe gestürzt. Hier bringen sich immer wieder Leute um. Habt ihr schon mal eine Wasserleiche gesehen? Das vergisst du nie, wenn du versuchst, so eine Leiche am Arm aus dem Wasser zu ziehen und plötzlich den halben Arm in der Hand hast. Das ist echt eklig!

Jungs, Surfen ist hier verboten! Hier liegen überall noch Bomben und Schrott aus dem Krieg im Wasser rum. Ich habe keine Lust, euch als Wasserleiche hier rauszuziehen! Ihr könnt doch nicht einfach Wellen surfen gehen, ohne Bescheid zu geben, Jungs!“ So geht es noch eine Weile weiter.

„Der Polizist hatte nicht ganz Unrecht, da ist echt überall Schrott im Wasser, an dem man sich ganz gut weh tun könnte“, erzählt Jonas, als der gröbste Ärger mit dem Polizisten verflogen ist. Dennoch haben wir einen neuen Spot entdeckt und unsere Mission jetzt schon offiziell erfüllt. 

Wir nennen ihn nach den Selbstmordgeschichten „Suicide“! 

Dichter Zigarettenqualm umwabert uns und schnell werden wir mit den anderen Inselbewohnern und Seefahrern am Tresen warm. Immer mehr Bier wandert über den Tresen. Das Finden des neuen Spots soll gefeiert werden. „Alkohol ist hier dutti frrri“, klärt uns einer der Seefahrer auf und zieht tief an seiner Zigarette. „Lohnt sich, noch mal shoppen zu gehen, bevor ihr die Insel verlasst, nä!?“

Laut Wikipedia ist die Gemeinde zwar Teil des deutschen Wirtschaftsgebiets, zählt aber nicht zum Zollgebiet der Europäischen Union, sprich, die Mehrwertsteuer entfällt. Guter Tipp, den die Jungs am nächsten Tag gleich beherzigen. Doch vorher geht es am nächsten Morgen zum Surf-Check zur Düne.

Die Düne ist, wie es der Name verrät, ein Haufen Sand inmitten der rauen See und nur wenige hundert Meter von der Hauptinsel getrennt.
„FKK/Surfen“ Nach einer kurzen Überfahrt kommt man am kleinen Hafen an. Folgt man von da an dem Schild „FKK/Surfen“ gen Norden, trifft man nach ein paar Minuten auf einen traumhaft schönen Strand, den man im Winter oft für sich ganz allein hat. In der Ferne sehen wir feine, geordnete Weißwasserlinien, die sich entlang einer langen Mole hineindrehen. Jonas und Finn sind nicht mehr zu stoppen und rennen los. Sie rennen und rennen und verschwinden fast aus dem Blickfeld. Sie sind bereits in ihren 6/5er-Neos und wachsen ihre Boards, als wir sie wieder einholen.

Zahlreichen Kegelrobben beobachten das Treiben neugierig. Allerdings sind wir nicht die ersten Surfer, die diese Robben an diesem Tag sehen. Gerade als Finn und Jonas lossprinten wollen, erkennen wir zwei weitere Surfer im Wasser. „What?“ Hier am Ende der Welt und mitten im Januar sind noch weitere Surfer unterwegs? Jonas ist weniger überrascht, er hat einen der beiden bereits vor einem Jahr auf Bali kennengelernt. Auf dem Wasser gibt es ein kurzes High Five und ab dann werden die Wellen nicht mehr durch zwei, sondern eben durch vier geteilt. Immer noch genügend für alle. Marco, einer der Locals, ist Forschungstaucher und empfängt die Jungs wie lange nicht gesehene Freunde.

Nach einer knackigen Session mit Barrels, Airs und dicken Turns legen wir am Abend noch eine flotte Sohle in Deutschlands erster Disko, „Diskothek Krebs“, aufs Parkett, geben uns aber schnell dem ereignisreichen Tag hin und schlurfen zurück zur Jugendherberge. Am nächsten Morgen gibt es eine weitere Session auf der Düne, diesmal etwas kleiner, dafür aber mit feinstem Offshore und niemandem außer einem Haufen Kegelrobben im Wasser!

Helgoland hat zu 100 Prozent überzeugt.

Menschenleere Line-ups, superfreundliche Locals – danke nochmals an Marco und seinen Kumpel und selbst mit dem Polizisten waren wir am Ende per du! –, eine traumhaft schöne Insel und das Gefühl, noch wirklich Abenteuer in der Heimat erleben zu können – Helgoland, wir kommen wieder!

Lust auf Surfen unweit der deutschen Küsten? Hier geht's zu den Surfspots in Frankreich und Nordspanien!